Am 25. November 1926 erhielt die gemeinsame Leidenschaft im Gasthaus Bodan einen Namen: Schachvereinigung Konstanz. 33 Mitglieder meldeten sich an. Auf den Donnerstag als Spielabend einigte man sich rasch, ebenso auf zehn Sätze Ahornfiguren mit Bleieinlage. Nur für den Vorsitz fand sich zunächst niemand. Der Verein hat es trotzdem bis zum hundertsten Geburtstag geschafft. Offenbar waren die wichtigsten Fragen bereits geklärt: wann gespielt wird und womit.
Seitdem besteht seine Geschichte weniger aus Jahreszahlen als aus Begegnungen. Man spielte mit den Nachbarn in Kreuzlingen, reiste nach Bregenz, empfing Biel und pflegte Freundschaften rund um den Bodensee. Von der Seegfrörne 1963 wird sogar erzählt, Markdorfer Schachfreunde seien zu Fuß über den gefrorenen See zum Mannschaftskampf gekommen – und hätten anschließend gewonnen. Eine bessere Geschichte über Einsatzwillen und fehlenden Heimvorteil findet man kaum.
Auch große Namen kamen nach Konstanz. Bogoljubow, Aljechin, Unzicker und später Helmut Pfleger traten zu Simultanvorstellungen an. Die Meister gingen von Brett zu Brett, während ihre Gegner sitzen blieben und hofften, bis zur Rückkehr einen brauchbaren Gedanken zu finden. Manche Gegner schafften ein Remis oder sogar einen Sieg; auch drei Konstanzer nahmen Unzicker ein Remis ab. Das ist der besondere Reiz des Schachs: Weltmeister und Vereinsspieler sitzen vor denselben 64 Feldern – nur die Stellung sieht meist etwas anders aus.
Hundert Jahre Vereinsgeschichte kennen nicht nur Festtage. Die Schachvereinigung war von Diktatur, Krieg und den politischen Verhältnissen ihrer Zeit geprägt. Nach 1945 musste das Vereinsleben mit Satzungsentwürfen, Fragebögen, Übersetzungen und Genehmigungen neu aufgebaut werden. Dass wieder gespielt werden konnte, war keine Selbstverständlichkeit, sondern das Ergebnis von Beharrlichkeit und gemeinsamer Arbeit.
Ohnehin entsteht ein Verein nicht allein am Brett. Jemand muss Räume finden, Gäste empfangen, Kassen führen, Bretter aufbauen und nach dem letzten Zug prüfen, ob noch alle Türme da sind. Ein fehlender Turm kann in einer Partie ein kühnes Opfer sein. Im Materialschrank ist er meist nur ärgerlich. Der eigentliche Reichtum der Schachvereinigung waren und sind deshalb die Menschen, die Verantwortung übernehmen, ohne dafür einen Pokal zu bekommen.
Dabei blieb der Verein beweglich. 1986 kamen 75 Teilnehmer zum ersten Konstanzer Schnellschach-Wanderpokalturnier. Die Paarungen entstanden zunächst mit Karteikarten und wanderten erst danach in den Computer – damals modern, heute beinahe Archäologie. Auch das Rauchverbot brauchte seine Bedenkzeit. Inzwischen dürfen nur noch die Köpfe rauchen.
Besonders wichtig ist, wer als Nächstes am Brett sitzt. Schon 1948 richtete der Verein ein Jugendturnier aus. Später folgten regelmäßige Schachgruppen, neues Material und viele Stunden geduldiger Erklärung. Diese Arbeit reicht bis in die Gegenwart. Junge Spielerinnen und Spieler vertreten die SVG bei Meisterschaften und Turnieren. Sie sorgen dafür, dass hundert Jahre Geschichte nicht wie ein Schlusskapitel wirken, sondern wie eine gut vorbereitete Eröffnung.
Sportlich passt das Bild: Nach einem Abstieg gelang der ersten Mannschaft die direkte Rückkehr; in der Saison 2025/26 folgte ohne Verlustpunkt der Aufstieg in die Verbandsliga Süd. Eine schwierige Stellung annehmen, weiterdenken und die nächste Chance nutzen – auch das ist Schachvereinigung Konstanz.
Wir danken allen Mitgliedern, Freunden, Förderern und stillen Helfern: denen, die gewonnen haben, denen, die verloren haben, und besonders denen, die danach noch beim Aufräumen blieben.
Auf hundert Jahre gemeinsame Partien – und auf viele gute Züge, die noch niemand aufgeschrieben hat.